In keiner anderen Industrienation hängt der Bildungserfolg so stark von der sozialen Herkunft ab wie in Deutschland. Das ist einerseits eine Frage mangelnder Gerechtigkeit - andererseits bedeutet dies aber auch, dass wir in Deutschland fahrlässig auf Talente verzichten. Wir brauchen ein Schulsystem, das erstens die individuellen Stärken unserer Kinder in den Schulen berücksichtigt und fördert und zweitens allen Kindern eine Chancengleichheit über das Alter einer Viertklässlerin oder eines Viertklässlers hinaus bietet.
Zum Hamburger Volksentscheid gegen eine bessere Schule
Das Ergebnis des Hamburger Volksentscheids, keine längere gemeinsame Schule im Hamburg einzurichten, kann mit Recht als erschütternd bezeichnet werden. Die Hamburger Geld- und Bildungselite hat es mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln geschafft, ihre Privilegien zu erhalten. Wenn nun der niedersächsische Kultusminister meint, dass ein längerer gemeinsamer Unterricht unter Bildungswissenschaftlern ohnehin umstritten sei, hat er sicherlich auch das Sprachrohr der Bildungselite in den Ohren, den Philologenverband. Herr Audritz und seine Gefolgschaft sind dagegen bekannt, auf dem Auge der Bildungsgerechtigkeit völlig blind zu sein. Es geht den Gegnern des längeren gemeinsamen Lernens nur um Besitzstandswahrung ihrer eigenen Klientel.
Unzählige erfolgreiche Modellschulen in Deutschland beweisen nämlich durchaus den Erfolg des längeren gemeinsamen Lernens. Auch und gerade bei einem stringenten Konzept der individuellen Förderung profitieren lernstarke Kinder. Während die Konservativen über die Zunahme von Parallelgesellschaften und von Gewaltspiralen unter der bildungsarmen Bevölkerung lamentiert, tut sie dort, wo sie Verantwortung trägt, nichts, um dagegen anzugehen. Statt dessen wird weiter aussortiert und ausgegrenzt.
Der Appell, endlich die Debatten um Strukturreformen im Schulsystem zu beenden, soll die eigene ideologische Verblendung der Systemerhalter verdecken. Wenn sie sagen, dass "die Bevölkerung" es satt sei, ständig über Schulsysteme zu diskutieren, dann meinen Sie die Philologen und ihre Gefolgschaft bis hin zur Scheuerl-Initiative. Und in Hamburg hat man gesehen, wie hoch deren Anteil an der Gesamtbevölkerung beträgt: gerade mal 21% der 1,3 Millionen Wahlberechtigten haben sich im Hamburger Volksentscheid für die frühe Selektion von Schulkindern ausgesprochen.

