Robert Enke †10.11.2009
Hannover, 10.11.09. Es ist Dienstagabend. Ich komme gerade nach Hause, als mich Leonie anruft und sagt: "Papa, Robert Enke ist tot." Ich sage zu ihr: "Hör auf, damit macht man keinen Spaß und heute ist nicht der 1. April!" Und als sie tränenerstickt nur wiederholt: "Papa, Robert Enke ist tot!", da beschleicht mich von unten über die Beine bis in den Hals die Angst, dass das stimmen könnte.
Ich schalte schnell meinen PC an und da das mit Windows so lange dauert, bis das alles hochgefahren ist, gehe ich ins Fernsehen und bei ntv steht es im Laufband: Robert Enke wurde bei Neustadt von einem Zug erfasst und getötet. Nicht lange danach kommen auch schon die Meldungen, dass es wohl Suizid war.
Warum??
Auf der Suche nach der Antwort zum der Frage durchstöbere ich wie ein Irrer die Fanforen der Fußballwelt. Sicher auch, um es überhaupt zu kapieren, was da passiert sein soll. Die Homepage von Hannover 96 und das Fanforum sind dermaßen überlastet, dass deren Server in die Knie gehen. Wie frustrierend, dass man in dieser Situation keinen Kontakt zu den anderen aufnehmen kann!
Als es die ersten Bilder im TV vorm Stadion gibt, wo spontan die ersten Fans Kerzen niederlegten und es hieß, dass auch Spieler kamen und still mit den Fans trauerten - da war alles klar: eine nicht rückgängig zu machende Tragödie hat sich bei uns abgespielt. Nein, nein, nein! Gerade gestern, am Montag, hatte ich erfahren, dass ein lieber Kollege von mir, der ein großer Namibia-Fan war, der fit war, immer um den Maschsee lief, der in der Markthalle immer nur den gesunden Auflauf aß - dass er am Samstag starb. Und dann dieses! Boah, ey!
Den ganzen nächsten Tag bin ich nicht in der Lage, zu arbeiten. Immer wieder auf der Suche nach dem Warum klicke ich mich durch alle Nachrichtenpages und Fanforen. Ich bin gerührt über die Anteilnahme der Fans aller Mannschaften - sogar im Braunschweigforum spricht man den 96-Fans Mut und Kraft für die nächste Zeit zu! Wow!
Am Ende bleibt mir nur, im Forum des Fanmagazins zu verweilen, um immerhin dort gemeinsam mit anderen 96-ern zu trauern.
Teresa Enke
Und dann gibt es da diese Pressekonferenz mit Robert Enkes Frau Teresa. Einfühlsam moderiert 96-Sprecher Andreas Kuhnt die PK. Ein Forumsteilnehmer im Fanmagazin stellt die Bilder der PK hinein, so dass ich sie mir in voller Länge ansehen kann. Dort erfahre ich, dort erfahren wir alle, was war: Robert Enke hatte Depressionen. Sein Psychologe berichtet von einem Abschiedsbrief Enkes, in dem er sich dafür entschuldigt, alle getäuscht zu haben, damit er seinen Suizidplan vollziehen kann. Oh, wie brutal, wie grausam!!!
Großen, großen Respekt und höchste Anerkennung für ihren Mut gebührt Teresa Enke! Ihr Auftritt hat uns allen zumindest einen großen Teil der Antwort auf das Warum geliefert. Natürlich kann man noch nicht alles verstehen, aber zumindest gibt es eine Erklärung. Wie furchtbar umnebelt muss ein Mensch sein, der sich in einem Depressionsschub vor einen herannahenden Zug stellt! In diesem Moment muss es in diesem Menschen finsterste Nacht sein! Ich glaube, für einen Gesunden ist das gar nicht vorstellbar, was da so passiert.
Trauerbewältigung
Mittags am Mittwoch gehe ich zum Stadion und trage mich eines der Kondolenzbücher ein. Die Trauerstelle ist um einige Kerzen, Schals und Bilder angewachsen. Es ist regnerisch, herbstlich trüb. Männer weinen offen, Kinder kommen nach der Schule und können nicht verstehen. Wie soll ich bei allem guten Willen einem 10-Jährigen, für den RE der Held war, erklären, was eine Depression ist? Und dann noch, dass die so schlimm sein kann, dass ein Mensch sich selbst das Leben nehmen kann?
Tage später treffe ich an gleicher Stelle einen Kollegen dort an, der dann mittlerweile wütend auf RE geworden ist. Ich kann seine Wut auf RE nicht nachvollziehen. Bei vielen Taten gelten mildernde Umstände - ich glaube, wenn sich ein Mensch in einem Zustand einer Depression selbst das Leben nimmt, gelten erst recht mildernde Umstände, ist definit eine Unzurechnungsfähigkeit gegeben. Dieser Mensch ist in diesem Moment nicht steuerbar und kann sich selbst nicht mehr steuern. Davon bin ich fest überzeugt!
Abends gibt es eine Trauerfeier in der Marktkirche. Die Granden der deutschen Fußballwelt sind dort (Theo Zwanziger, Jogi Löw, Ballack, Mertesacker, Köpke). Und anschließend sammeln sich 35.000 (!) Menschen auf dem Opernplatz und laufen schweigend zum Stadion. Was für eine eindrucksvolle Geschichte!
Am Sonntag dann organisiert Hannover 96 auf Wunsch von Teresa Enke eine große Trauerfeier im Stadion. Ich kann nicht dabei sein. Just als die Trauerfeier beginnt, stehe ich auf der LDK in Osnabrück am Rednerpult und kandidiere für den Parteirat. So irre ist das Leben! Ich nehme die Trauerfeier auf und schaue sie mir am Abend an. Die Worte von DFB-Präsident Theo Zwanziger haben mich am meisten beeindruckt. Ich glaube zwar nicht, dass "Fußball nicht alles" ist. Fußball ist sehr wohl "alles" für viele Menschen. Der Fußball eint und macht stark. Aber seine Mahnung an überehrgeizige Eltern, die ihre Fußball spielenden Kinder treiben und dabei Zeichen der Schwäche oder Zweifel übersehen oder ignorieren - das ist genau die Lehre, die wir aus der Tragödie ziehen können!





























