Zusammen mit Dr. Wilfried Vyslozil, seit 2008 Vorstandsvorsitzender von SOS-Kinderdörfer weltweit, habe ich einen Beitrag verfasst. Wir sind sehr besorgt über die vielen seelisch verwundeten Kinder in Kriegs- und Krisengebieten.

Das Foto von SOS Kinderdorf von einer Maltherapie in Syrien zeigt einen schwarzhaarigen Jungen, der auf dem Boden kniet und runde Steine mit verschiedenen Fraben bemalt.
Ein Junge, der an einer Maltherapie in Syrien teilnimmt, bemalt Steine mit verschiedenen Farben.
Foto: SOS Kinderdörfer

Es gibt viele traurige Beispiele von Kindern, die traumatisiert sind. Wir haben beide auf unseren Reisen Betroffene kennengelernt. Sei es in einem SOS-Kinderdorf in Damaskus, wo ein neunjähriger Junge völlig entrückt ins Leere starrte. Die Mitarbeiterinnen vor Ort berichteten, dass Adil mit ansehen musste, wie seine Eltern bei einem Granatenangriff getötet wurden. Seitdem hatte er kaum ein Wort gesprochen.

Oder in Sierra Leone, wo das Fehlen einer Aufarbeitung von Traumata ganz besonders ins Auge fällt. Dort gibt es ein hohes Maß an Kriegsmüdigkeit. Die Menschen, die Regierung, die Chiefs, alle waren fest entschlossen: nie wieder Bürgerkrieg! Doch das Leid, das der grausame Bürgerkrieg den Menschen angetan hatte, wurde nie psychologisch aufgearbeitet. Die Traumata bahnen sich ihren Weg über massive häusliche Gewalt, die man erst auf den zweiten Blick wahrnimmt. Und sie trifft vor allem die Kinder von heute. In Freetown werden tausende Kinder sexuell ausgebeutet, werden Mädchen auf den Straßenstrich gezwungen. In einer Betreuungseinrichtung für betroffene Mädchen lebt auch die 15-jährige Bidemi. Ihr Schicksal ist zutiefst berührend. Es wurde klar: wir müssen in der Konfliktnachsorge noch viel mehr das Augenmerk auf die psychologische Aufarbeitung richten, um die Gewaltspirale zu unterbrechen.

Corona verschärft die Lage der Kinder

Weltweit gibt es Millionen Adils und Bidemis. Jungs und Mädchen, die von schrecklichen Erlebnissen in ihren von Krieg und Gewalt erschütterten Heimatländern schwer traumatisiert sind, dringend auf psychosoziale Unterstützung angewiesen sind – und diese nicht erhalten.

Die Coronapandemie hat die Lage traumatisierter Kinder im letzten Jahr vor allem in Kriegs- und Krisengebieten weiter dramatisch verschärft. Geschlossene Kindergärten und Schulen, Quarantänemaßnahmen, Isolation und wegfallende Verdienstmöglichkeiten der Eltern haben die psychische Belastung der betroffenen Kinder stark erhöht. Gerade jetzt dürfen wir sie nicht mit ihren Problemen allein lassen.

Mittlerweile wächst weltweit jedes fünfte Kind in einem bewaffneten Konflikt auf. Viele von ihnen werden verletzt oder getötet. Andere werden sexuell missbraucht, versklavt, als Kinder zwangsverheiratet, zur Prostitution gezwungen, als Kindersoldat:innen zwangsrekrutiert, müssen mitansehen, wie ihre Eltern und Geschwister missbraucht oder getötet werden, müssen fliehen und hungern. Diese Kinder leiden unter Depressionen, Alpträumen, Konzentrationsschwierigkeiten, Essstörungen und Panikattacken. Sie werden aggressiv gegen sich oder andere, ihr kindliches Urvertrauen ist zerstört. Manche verlernen zu spielen und verstummen, einige sind so verzweifelt, dass sie nicht mehr leben wollen und einen Suizidversuch unternehmen. Diese Kinder brauchen Hilfe. Erhalten sie sie nicht, schleppen sie die unbehandelten Traumata ihr ganzes Leben lang mit sich herum und geben sie an die nächste Generation weiter.

Als Vorstandsvorsitzender von SOS-Kinderdörfer weltweit und Bundestagsabgeordneter und Vorsitzender des Unterausschusses für Zivile Krisenprävention, Konfliktbearbeitung und vernetztes Handeln sind wir alarmiert. Das Problem drängt, doch bislang wird es weitestgehend ignoriert. Dabei gibt es einfache Lösungsansätze, die Millionen traumatisierten Kindern helfen können, ihr Leben wieder selbst in die Hand zu nehmen. So könnten sie in Zukunft auch einen wichtigen Beitrag zur Prävention von Krisen und Kriegen leisten. Denn: Traumatisierte Kinder müssen darin gestärkt werden, friedliche Konfliktlösungsstrategien zu erlernen. Nur so kann der Teufelskreis aus Gewalt durchbrochen werden.

Trauma-Arbeit gehört in den Fokus deutscher Entwicklungspolitik

Mit einer Parlamentarischen Anfrage haben Die Grünen unlängst das Engagement der Bundesregierung für traumatisierte Kinder und Jugendliche im Rahmen der Humanitären Hilfe, der Entwicklungszusammenarbeit und der Friedensarbeit erfragt. Die ernüchternde Antwort: Es fehlt nicht an Lippenbekenntnissen, dass entsprechende Maßnahmen wichtig seien, konkrete Projekte gibt es jedoch viel zu wenig. Im Budget des Bundesministeriums für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung spielen Investitionen zur Stärkung der psychischen Gesundheit immer noch eine viel zu geringe Rolle.

Deshalb fordern wir: Die psychosoziale Unterstützung für traumatisierte Kinder und Jugendliche muss integraler Bestandteil der deutschen Entwicklungszusammenarbeit werden. Dafür muss die Bundesregierung schnell deutlich mehr Mittel zur Verfügung stellen und langfristige Zusagen machen. Denn: Traumabewältigung braucht Zeit und kann nur nachhaltig wirken, wenn die Projekte verlässlich finanziert werden.

Schon mit wenig Geld kann erstaunlich viel erreicht werden. Die kindliche Psyche kann durch Gewalt, Flucht und Vertreibung irreparablen Schaden nehmen. Sie hat jedoch auch große Selbstheilungskräfte und kann große Resilienz entwickeln, wenn Traumata rechtzeitig erkannt und behandelt werden.

Kinder und Jugendliche in fragilen Staaten müssen das Recht bekommen, in einem traumasensiblen Kontext aufzuwachsen. Was heißt das konkret?

In Kriegs- und Krisengebieten herrscht bislang ein eklatanter Mangel an Psycholog:innen und Sozialarbeiter:innen. Dieser muss durch die Förderung der Ausbildung lokaler, besonders weiblicher Fachkräfte, gelindert werden. Doch vor allem muss das familiäre und soziale Umfeld der Kinder – das heißt Eltern, Großeltern, Lehrer:innen und Betreuer:innen – in die Lage versetzt werden, psychische Probleme früh zu erkennen, zu entstigmatisieren und mit einem ganzheitlichen Ansatz zu behandeln. Dazu müssen auch die eingesetzten Erwachsenen – falls nötig – psychotherapeutische Hilfe erhalten.

Seelische Wunden können geheilt werden

SOS-Kinderdörfer weltweit führt diesen äußerst wirksamen Ansatz mittlerweile in vielen seiner Einrichtungen und Programmen ein. Mit einfachen und kostengünstigen Mitteln wie Spiel-, Musik-, Mal- und Gesprächstherapie und moderner Kommunikationstechnologie konnten so schon viele seelische Wunden geheilt werden.

Diese Programme helfen nicht nur den betroffenen Kindern, sondern auch ihren Familien. Indem wir Menschen dazu befähigen, traumatische Erfahrungen besser zu verarbeiten, unterstützen wir Kinder und Familien, einen Weg zurück in das Leben und in den Alltag zu finden.

Wir können das Leid, das Adil und Bidemi und Millionen anderen Kindern in Kriegsgebieten, Schwellenländern und Ländern des Globalen Südens widerfahren ist, nicht ungeschehen machen. Doch wir dürfen es nicht länger ignorieren. Wir haben das Knowhow, ihnen bei der Überwindung der Traumata zu helfen. Daraus ergibt sich die moralische Verpflichtung, es endlich zu tun. Jetzt!

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Weitere Informationen zum Thema findet ihr auch in der Antwort der Bundesregierung auf meine kleine Anfrage.