Der General muss weg!“ war die Veranstaltung der Grünen in Bünde überschrieben, bei der ich mit der Historikerin Barbara Frey über eine Umbenennung der dortigen Lettow-Vorbeck-Straße diskutierte. Die Neue Westfälische berichtete:

Foto des Straßenschildes der Lettow-Vorbeck-Straße in Bünde mit Erklärungsschildchen zu der Person Lettow Vorbeck

28 Personen – ein Großteil davon lokalpolitisch bei Grünen, SPD und Linkspartei aktiv – nahmen daran teil. Von den Ratsfraktionen dieser drei Parteien geht die erneute Initiative aus, die Lettow-Vorbeck-Straße umzubenennen. Sie sagen: „Eine Person, die aufgrund eines rassistischen Überlegenheitsgefühls im Ersten Weltkrieg Raub und Terror nach Afrika brachte und sich als Wegbereiter des Nationalsozialismus hervortat, verdient es nicht, Namensgeber einer Straße unserer Stadt zu sein.“

In dem Webinar fasste man aber auch neue Namensgeber ins Auge. Man will zwar den Kolonialismus nicht aus dem geschichtlichen Gedächtnis verdrängen, aber dafür eher Opfer oder Größen einer Gegenbewegung zu den Kolonialherrschern in einem künftigen Straßennamen wiederfinden.

Der Vortrag von Barbara Frey zeigte, wie lange man Paul von Lettow-Vorbeck auch nach dem Zweiten Weltkrieg noch in Deutschland verehrte. So wurde der Kommandeur der Schutztruppe für Deutsch-Ostafrika im Ersten Weltkrieg nach seinem Tod 1964 vom damaligen Bundesverteidigungsminister Kai-Uwe von Hassel als „eine der großen Gestalten, die das Recht in Anspruch nehmen dürfen, Leitbilder genannt zu werden“, geehrt. Auch Heinrich Lübke, der damalige Bundespräsident, würdigte Lettow-Vorbeck als „ein leuchtendes Beispiel meisterhafter Kriegskunst, ritterlichen Kampfes und edler menschlicher Gesinnung.“ An eine edle und menschliche Gesinnung sei im Zusammenhang mit Lettow-Vorbeck aber nun gar nicht zu denken, so Frey, die die Initiative der drei Fraktionen begrüßt, die Lettow- Vorbeck-Straße in Bünde umzubenennen. „Auch in anderen Städten hat das erst im zweiten Anlauf geklappt“, sagte die Historikerin.

In Bünde debattierte man 2017 und 2018 lange darum. Eine Umfrage der Stadt Bünde unter den Anwohnern ergab aber, dass ein Großteil den Straßennamen behalten wollte. Damals lehnte eine Mehrheit schließlich auch in der Bünder Politik eine Umbenennung ab. „Wir sollten an unserer Erinnerungskultur arbeiten, anstatt zu versuchen, unliebsame Zeugnisse der Zeit aus unserer Gegenwart zu verbannen“, sagte damals CDU-Fraktionschef Martin Schuster. Doch nach der Kommunalwahl sehen die Mehrheitsverhältnisse etwas anders aus und SPD, Grüne und die Linkspartei könnten eine Umbenennung durchdrücken, was man eigentlich gar nicht will. Man möchte überzeugen, so Arndt Settnik in dem Webinar.

Der in Namibia aufgewachsene Bundestagsabgeordnete Ottmar von Holtz (Grüne) wohnte der Onlineveranstaltung ebenfalls bei und berichtete aus seiner Kindheit. Er findet, dass die deutsche Kolonialzeit in den Schulen zu wenig bekannt sei und begrüßt, dass nun erneut die Initiative ergriffen wird, Lettow-Vobeck als Namensgeber einer Straße zu streichen. Auch Johanna Gawin, eine Schülerin der Q1 an der Erich-Kästner-Gesamtschule, würde es begrüßen, wenn die Kolonialzeit auch im Unterricht mehr in den Fokus gerückt würde. „Das Interesse besteht“, sagte sie.

Unter den Teilnehmern der Veranstaltung fielen bei einer Schnellumfrage auch die ersten Vorschläge für einen neuen Namen für die Lettow-Vorbeck-Straße. Stefanie Janßen-Rickmann dachte beispielsweise an die „Herero-Straße“. Lettow-Vorbeck war – wenn auch indirekt als Adjutant des Generalleutnants Lothar von Trotha – am Völkermord an rund 75.000 Herero beteiligt. Ute Fröhlich schlug Nelson Mandela als Namensgeber vor, auch wenn der keinen direkten Bezug zur deutschen Kolonialzeit hatte, aber für Befreiung steht.

Grünen-Ratsmitglied Arndt Settnik, der die Veranstaltung moderierte, betonte, dass es wichtig sei, auch die Schulen in die Namensgebung miteinzubeziehen – vielleicht sogar als Projektarbeit. Auch Thorsten Beuß (Die Linke) regte an, dass sich auch die nächste Generation an der Namensfindung beteiligen solle, „damit Geschichte nicht in Vergessenheit gerät“. Auch in Bielefeld hätten Schüler maßgeblich und erfolgreich Anteil an der Umbennung von Straßen, sagte Historikerin Barbara Frey.

Im Verkehrsausschuss am Mittwoch, 5. Mai, wird der Antrag auf der Tagesordnung stehen.