W ie geht es der Freien Kultur-Szene in Stadt und Landkreis Hildesheim? Diese Frage habe ich in einer Video-Konferenz mit Kulturschaffenden diskutiert. Für die Hildesheimer Allgemeine Zeitung nahm Ralf Neite am Gespräch teil und berichtete davon:

„Es gibt Berufsgruppen, die von der Corona-Pandemie besonders betroffen sind“, sagt Ottmar von Holtz, Hildesheimer Bundestagsabgeordneter der Grünen. Deshalb nutzt er die gerade angebrochene sitzungsfreie Zeit des Bundestags für eine Sommertour durch die regionale Kulturszene. Gestern traf sich von Holtz zu einer Videokonferenz mit Vertretern der freien Kultur, um zu hören, wie die aktuelle Lage ist und was die Politik tun kann.

„Uns fehlen einfach seit März die Miet- und Eintrittseinnahmen“, ist die Antwort von Theaterhaus-Geschäftsführerin Uta Lorenz. Und was noch schwieriger sei: „Wir wissen nicht, wie es in Zukunft weiter geht.“ Anke Lorenzen, Chorleiterin und freie Musikerin, bestätigt: „Es ist alles weggebrochen.“ Immerhin könne sie zwei Chöre noch online betreuen. „Aber maximal die Hälfte der Mitglieder schafft es, diese technische Hürde zu nehmen.“

Die Verlagerung der Angebote ins Internet spielt im Gespräch immer wieder eine Rolle. „Wir sind jetzt gezwungen, digital zu arbeiten. Das ist dramatisch, weil wir die Echtbegegnungen lieben und brauchen“, sagt Manuela Hörr, Mitglied der Theatergruppe R.A.M. und im Vorstand des Landesverbands Freier Theater in Niedersachsen. Allerdings helfe die Online-Version des Mitsing-Projekts „Singbar“, das Überleben in der auftrittslosen Zeit zu sichern – über Projektgelder und Spenden der Teilnehmer.

Das Künstlerpaar Lito Bürmann und Lucy Schreiber hat seine Aktivitäten komplett ins Netz verlegt und den Kultur-Stream im Ratskeller ins Leben gerufen. „Das hat uns im Kreativbereich unheimlich Auftrieb gegeben“, sagt Lito Bürmann. Allerdings sei das Projekt in den ersten drei Monaten rein ehrenamtlich gelaufen, ohne jede Einnahme.

Inzwischen, so Lucy Schreiber, gebe es aus einigen Fördertöpfen Unterstützung, so dass den auftretenden Künstlern wenigstens eine kleine Entschädigung gezahlt werden könne. „Das ist nicht viel, aber die Künstler sind trotzdem glücklich. Die Leute hatten ja schon vorher nicht viel“, sagt Schreiber.

Über die Grenzen der Internet-Kommunikation sprechen Michaela Grön vom IQ (Interessengemeinschaft Kultur) sowie Mia Clara Ostern und Cristiana Pinto Ribeiro vom studentischen Festival „State of the Art“. Bei der Netzwerkarbeit ebenso wie in künstlerischen Prozessen fehle derzeit die Inspiration durch das persönliche Gespräch.

Stefan Könneke von der Kulturfabrik berichtet, dass alle Mitarbeiter mit festen Verträgen voraussichtlich bis zum Jahresende in Kurzarbeit seien. Das sei eine privilegierte Situation: „Viele Leute, die zum Beispiel an der Theke arbeiten, haben gar nichts mehr.“ Die Kufa würde aber große Verluste einfahren, wenn sie unter den jetzigen Bedingungen öffnete. „Viel mehr Sorge macht mir aber, wie es nach Corona weitergeht“, setzt Könneke hinzu: „Da wünsche ich mir wirklich ein Umdenken. Ich sehe Corona durchaus auch als Chance.“

Die sehen die meisten der Diskussionsteilnehmer in der Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens. „Wir können nicht zu einer Normalität zurückkehren, die es vorher auch nicht gab“, sagt Michaela Grön. Die ohnehin schon große Diskrepanz zwischen Menschen in abgesicherten Verhältnissen und Leuten in prekären Jobs werde sich verschärfen.

Manuela Hörr wundert sich, dass die Politik diesen Gedanken nicht längst aufgegriffen hat: „Das wäre viel einfacher gewesen als dieser Flickenteppich von Förderprogrammen.“ Ottmar von Holtz riet der Kulturszene, ihre Ansprüche lauter zu formulieren: „Machen Sie selbstbewusst Lobby-Arbeit! Die Politik braucht einen gewissen Nervfaktor, damit sie handelt.“