Die Aufarbeitung des kolonialen Erbes in Niedersachsen war Thema eines interdisziplinären Fachgesprächs im Landtag, zu dem Ottmar von Holtz und die Landtagsabgeordnete Eva Viehoff 40 Gäste aus Zivilgesellschaft, Museen, Forschung, Schule und Kunst begrüßen konnten.

  • Ottmar von Holtz und die Grüne Landtagsabgeordnete Eva Viehoff im Fraktionssaal der Grünen-Landtagsfraktion...

In unseren Museen und in unseren Köpfen ist der Kolonialismus noch immer präsent. Auch ein Jahrhundert nach Ende der deutschen Kolonialzeit findet sich in den niedersächsischen Museen und ethnologischen Sammlungen der Universitäten weiterhin Raubgut. Straßen in unseren Städten tragen Namen von Kolonialherren. Und rassistische Einstellungen, deren Verbreitung für eine Akzeptanz des europäischen Feldzugs notwendig waren, sind in unserer Gesellschaft bis heute tief verwurzelt. Mit einer schriftlichen Anfrage und einem Antrag auf der vergangenen Landesdelegiertenkonferenz hatten die Abgeordneten das Thema bereits öffentlich gemacht. Zur Bewertung der bisherigen Initiativen und für eine Fortentwicklung der inhaltlichen Arbeit wurden zu dem Fachgespräch am 18. September Expertinnen und Experten aus der Zivilgesellschaft, Museen, Forschung, Schule, Kunst sowie die interessierte Öffentlichkeit eingeladen.

Rassistische Denkmuster sichtbar machen

Der deutsch-amerikanische Künstler Marc Erwin Babej, der koloniale Einstellungen mit Bezügen zur Gegenwart in seinen Bildern thematisiert, verdeutlichte in seinem rahmengebenden Beitrag, dass koloniale und rassistische Einstellungsmuster die größte Hürde bei der Vergangenheitsbewältigung sind. Babejs Fotografien stellen die Welt, wie wir sie kennengelernt haben, auf den Kopf. Zum Beispiel ein schwarzer Mensch, der den Schädel eines weißen Menschen mit der Messlehre vermisst. Er zeigt damit, dass historische Bilder und Denkmäler koloniale Assoziationen hervorrufen. Assoziationen der „white supremacy“, die uns prägen und in uns einen Rassismus erwachsen lassen, der häufig völlig harmlos und unterschwellig daher kommt. Obwohl wir seit Jahrzehnten wissen, dass Hautfarbe kein geeignetes Kriterium ist, um kulturelle Diversität zu beschreiben. Nur wenn die Menschen das verstehen, ist eine gerechte Welt möglich. Und für dieses Verständnis brauchen wir wesentlich größere bildungspolitische Anstrengungen.

Die Baden-Württembergische Staatssekretärin Petra Olschowski berichtete den Gästen über die Erfolge ihres Bundeslandes bei der Aufarbeitung. Jüngst wurden die Bibel und Peitsche des Nama-Anführers Hendrik Witbooi nach Namibia zurückgegeben. Durch die Rückgabeforderung der Nama an das Linden-Museum in Stuttgart begann das Grüne Kulturministerium in Baden-Württemberg vor einigen Jahren mit der Entwicklung einer Gesamtstrategie des Landes zum Umgang mit seinem kolonialen Erbe. Mittlerweile ist das grün-schwarz regierte Bundesland bundesweit führend in der Aufarbeitung seiner kolonialen Vergangenheit. Ähnliche Anstrengungen gibt es in Niedersachsen bislang nicht. Einzig das Projekt „Provenienzforschung in außereuropäischen Sammlungen und der Ethnologie in Niedersachsen“ beschäftigt sich mehr oder weniger landesweit mit der Provenienzforschung von kolonialem Raubgut in einer Reihe von Museen.

Kolonialismus kaum Thema in den Schulen

Prof. Rebekka Habermas von der Universität Göttingen und die Direktorin des Römer- und Pelizaeus-Museums in Hildesheim, Prof. Regine Schulz, waren sich einig, dass sich in Deutschland bislang weder die Politik noch die Museen selbst um die Aufarbeitung dieses dunklen Kapitels der deutschen Geschichte gekümmert hätten. Sie forderten Mittel für die Forschung und (Erwachsenen-) Bildung sowie die Einrichtung von Forschungsstätten. Denn bundesweit gibt es bislang kein einziges Forschungsinstitut zur Erforschung der deutschen Kolonialgeschichte und vielfach sind die Stücke mit Herkunft aus Übersee weder vollständig inventarisiert noch erforscht. Dabei basieren viele Erkenntnisse unserer Wissenschaft auf ethnologischem wie zoologischem Raubgut und es wird sogar weiterhin an diesen Remains geforscht. Auch die Ursprünge einiger niedersächsischer Industrien wie Reifenproduktion oder Schokolade- und Keksherstellung sind durch ihre exotischen Grundproduktionsmittel eng mit der Kolonialherrschaft verbunden gewesen. All dies erfährt in der heutigen Gesellschaft jedoch kaum Beachtung. Laut dem Göttinger Gymnasiallehrer Dr. Justus Goldmann liegt dies auch am fehlenden Schulunterricht zu dem Thema. Kolonialismus und seine Auswirkungen bis in die heutige Gegenwart werden nur sehr geringfügig in den Kerncurricula der Schulen behandelt.

Durch den Diebstahl von Kulturgegenständen während der Kolonialzeit sind den Gesellschaften in den Herkunftsländern wichtige kulturelle Zeugnisse verlorengegangen, die uns in Deutschland hingegen nur als weitere Anschauungsobjekte in Museen dienen. Die Vertreterinnen und Vertreter der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland e.V. zeigten anhand beispielhafter Biografien, dass People of Colour bereits seit Jahrhunderten in Deutschland leben. Doch die bereits zu Zeiten der Weimarer Republik geforderte Gleichberechtigung und Respekt gegenüber ihrer Kultur wurde ignoriert oder zogen während der NS-Zeit sogar Bestrafung und Ermordung nach sich. Trotz unserer heutigen freiheitlich-demokratischen Grundordnung werden schwarze Menschen beispielsweise durch Racial Profiling oder rassistisch bedingter Benachteiligung auf dem Wohnungs- oder Arbeitsmarkt durch koloniale Denkmuster benachteiligt.

Schwarze Menschen sollten Federführung haben

Bereits seit den 80er-Jahren engagieren sich zivilgesellschaftliche Akteure und einzelne Forscherinnen und Forscher sowie Museen für eine gerechte und inklusive Aufarbeitung. Aber dies zumeist nur ehrenamtlich bzw. nicht ausreichend finanziert und gesellschaftlich wenig beachtet. Alle auf dem Podium und im Saal waren sich einig, dass die Aufarbeitung der deutschen Kolonialzeit endlich in die breite Gesellschaft getragen werden muss. Dazu benötige es eine politische Gesamtstrategie sowie eine langfristige Grundförderung und nicht nur einige wenige Provenienzforschungsprojekte. Außerdem dürfe der Fehler des Kolonialismus bei dessen Aufarbeitung nicht wiederholt werden: Schwarze Menschen haben das Wissen, wie Rassismus und Kolonialismus bis heute wirken. Sie müssen diejenigen sein, die die Aufarbeitung tragen. Jegliche andere Handhabung verbiete sich.

Eine Podiumsteilnehmerin sagte in der Abschlussrunde, dass sie sich sehr über den intensiven Austausch gefreut habe und hoffe, dass dieser in der niedersächsischen Politik nun zu Effekten führt. Ottmar von Holtz und Eva Viehoff betonten, dass die Grünen an dem Thema weiterarbeiten und in Zusammenarbeit mit allen Betroffenen eine entsprechende politische Initiative in den Landtag einbringen werden. Das Fachgespräch habe eine umfängliche Grundlage dafür geliefert und man werde mit allen, die am Podium teilgenommen haben, im Austausch bleiben.