Es sind stets die Rechte der Frauen und Mädchen, die in Konflikten zuerst beschnitten werden. Das ist das Fazit unseres öffentlichen Fachgesprächs „Bildung von Mädchen in Krisen und Konfliktgebieten: Was folgt aus dem G7-Gipfel?“

Zur Diskussion begrüßte Ottmar von Holtz auch Jennifer May von der kanadischen Botschaft und Sandra Dworack von der Globalen Bildungskampagne.
Foto: Arne Jeschal

Jennifer May, stellvertretende Leiterin der Kanadischen Botschaft, berichtete vom G7-Gipfel Anfang Juni im kanadischen Charlevoix. Sie erläuterte die Deklaration, die einige Teilnehmerstaaten dort zum Thema „Mädchenbildung in Entwicklungsländern“ unterzeichnet haben. Die Erklärung ziele genau darauf ab, Mädchen in Flüchtlingslagern oder Konfliktgebieten den Zugang zu hochwertiger Bildung zu ermöglichen. May sprach zudem über die Funktion des Gender Advisory Council einem Gremium, das die G7-Staaten in Fragen der Geschlechtergerechtigkeit berät.

Naturkatastrophen, gewaltsame Konflikte oder andere Krisensituationen bedrohen weltweit den Schulbesuch von 75 Millionen Kindern. Angesichts dieser Zahl unterstrichen alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Fachgesprächs die Dringlichkeit des Themas. Ein großer Teil der betroffenen Kinder könne gar nicht an Unterricht teilnehmen, andere müssten in zerstörten Schulen lernen oder täglich einen Schulweg voller Gefahren auf sich nehmen. Bildung bedeute für viele Jungen und Mädchen aber das letzte Stück Normalität und sei Grundvoraussetzung für ein selbstbestimmtes Leben.

Mädchen von Bildungsmangel besonders betroffen

Mädchen seien von mangelndem Zugang zu Bildung besonders betroffen. Das mache sie verletzlicher für gravierende Menschenrechtsverletzungen wie Zwangsverheiratung, ungewollte frühe Schwangerschaften, sexuelle und andere Formen von Gewalt, Zwangsprostitution und Menschenhandel. Die Deklaration von Charlevoix wurde als ein positiver Schritt bewertet, um die ungleichen Chancen von Mädchen zu verbessern. Allerdings sei eine Reihe wichtiger Aspekte nicht in das Dokument aufgenommen worden.

Sandra Dworack, Sprecherin der globalen Bildungskampagne und Mitarbeiterin von Oxfam warnte vor einer verlorenen Generation, da weltweit 63 Millionen Kinder nicht zur Schule gehen. Naturkatastrophen, gewaltsame Konflikte oder andere Krisensituationen bedrohen weltweit den Schulbesuch von 75 Millionen Kindern. 30 Millionen Kinder befinden sich weltweit auf der Flucht. Dies verdeutlicht die Dringlichkeit des Themas. Ein großer Teil der betroffenen Kinder könne gar nicht an Unterricht teilnehmen, andere müssten in zerstörten Schulen lernen oder täglich einen Schulweg voller Gefahren auf sich nehmen. Die Finanzierung von Bildung ist stark unterfinanziert. Nur zwei Prozent der Mittel der humanitären Hilfe werden für Bildung, wie den Fonds „Education cannot wait“, ausgegeben. Dabei gibt es Studien, die belegen dass Bildung die Gefahr künftiger Krisen und Kriege um 37% reduziert.

Bundestags-Vizepräsidentin Claudia Roth führte in das Thema des Fachgesprächs ein.
Foto: Arne Jeschal

Katrin Erlingsen von der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung wies darauf hin, dass es wichtig sei, das Thema sexuelle und reproduktive Gesundheit in Bildungskonzepte im globalen Süden zu integrieren.

Jeanette Böhme vom Verein medica mondiale forderte einen ganzheitlichen Blick auf sexuelle und geschlechtsspezifische Gewalt. Auf die Tatsache, dass Zugang zu Bildung eines der verbrieften Kinderrechte ist, wies Sonja Birnbaum von Plan International besonders hin.

Schule müsse ein Ort sein, in dem Mädchen sicher seien und Wertschätzung und solidarische Gemeinschaft erfahren könnten – ein unstrittiges Ziel unter den Teilnehmerinnen und Teilnehmern des Fachgesprächs. Doch ebenso unstrittig: Der Weg dahin ist nicht leicht. Um inklusive Bildungsstrukturen im globalen Süden zu etablieren, seien sowohl Politik als auch Zivilgesellschaft gefragt. Bessere Qualifizierung und eine spezifische Ausrichtung der Ausbildung auf zukünftige Berufsfelder wurden ebenso als Herausforderungen identifiziert wie der konsequente Abbau von Barrieren in Bildungseinrichtungen. Außerdem müssten auch die Regierungen vor Ort den Wert eines intakten Bildungssystems erkennen und entsprechend finanzielle und strukturelle Investitionen tätigen.

“Emanzipation beginnt im Kopf”

Jeanette Böhme von medica mondiale erläuterte, dass neben solch fundamentalen politischen Herausforderungen manchmal auch mit kleinen Schritten große Veränderungen im Sinne einer geschlechtergerechten Bildung erzielt werden könnten. So forderte sie eine staatliche Finanzierung von Hygieneartikeln, damit nicht länger Mädchen während ihrer Menstruation vom Unterricht ausgeschlossen seien, wie es derzeit in vielen Entwicklungsländern noch der Fall sei. Ein anderes Beispiel seien gender- und traumasensible Lehrmaterialien, damit Stigmata und geschlechtsbezogene Vorurteile in der Schule nicht reproduziert würden.

Am Ende seien es aber die Mädchen selbst, auf die es ankomme und deren eigene Fähigkeiten es zu stärken gelte, so Böhme. Sie berichtete etwa von „Girls‘ Clubs“ in Liberia. Mädchen bräuchten auch solche geschützten Austauschräume, in denen sie einander beraten, Diskriminierungserfahrungen teilen und sich gegenseitig stark machen könnten. Denn so das Fazit: Politik und Emanzipation beginne nicht im Parlament, sondern im Kopf.

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Grüne Forderungen

Die G7-Staaten sind zerrüttet über das Thema sexuelle und reproduktive Gesundheit und Rechte. Über die Deklaration von Charlevoix hinaus muss sich die Bundesregierung klar zur Umsetzung des Rechts auf Bildung insbesondere von Mädchen in Krisenkontexten bekennen und konkrete, messbare Schritte zum Erreichen dieses Ziels tun.

Als einen ersten Schritt müssen zusätzliche 1,3 Milliarden US-Dollar innerhalb der nächsten drei Jahre durch bi- und multilaterale Kanäle wie beispielsweise die Globale Bildungspartnerschaft und Education Cannot Wait sowie Kanäle der Humanitären Hilfe bereitgestellt werden.

Hierbei dürfen bislang gemachte finanzielle Zusagen nicht angerechnet werden. Deutschland muss bei diesen Anstrengungen einen seiner Wirtschaftskraft angemessenen finanziellen Beitrag leisten.